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Oliver aus Zürich spricht offen über seinen Weg aus der Sucht

Berit PSA Wattwil

«Das Verrückte ist ja, Alkohol hat mir nie wirklich geschmeckt»

Aus Einsamkeit trank Oliver schon morgens heimlich Wodka. Die Alkoholkurzzeittherapie in der PSA der Berit Klinik rettete den Zürcher aus der Sucht. Der 55-Jährige spricht offen über seine dunkelsten Stunden und erzählt, wie er zurück ins Leben gefunden hat.

Alkohol war sein Anker, sein vermeintlich bester Freund. Wenn sich Oliver (55) einsam fühlte, griff er zur Flasche. Heimlich – und oft schon morgens. «Ich trank meistens Wodka, weil ich gehört hatte, dass man das nicht riechen kann», gesteht der Zürcher. «Ich habe mich jahrelang selber belogen und mir eingeredet, ich hätte alles im Griff.»

Die Abwärtsspirale begann vor rund 14 Jahren. «Ich bin mit meiner damaligen Frau und unseren zwei Kindern umgezogen und habe so meine gewohnte Umgebung verlassen. Das hat mich unglücklich gemacht.» Oliver stürzte sich in die Arbeit, es folgten zwei Burn-outs, und die Beziehung ging in die Brüche. «Was mir dann am meisten zu schaffen machte, war, von meinen Kindern getrennt zu sein. Sie nicht jeden Tag sehen zu können, tat mir weh.»

Alkohol ist oftmals eine vermeintliche Lösung für ein anderes Problem. Etwa Schmerzen, tiefe Wunden, Überforderung. So war es auch bei Oliver. «Wenn es mir nicht gut ging, habe ich getrunken. Ich wusste zwar, dass Alkohol keine Lösung ist, aber für mich war er mein Freund.»

«Papa, wir schaffen das»

Das klassische Bild eines Alkoholikers schreckte Oliver ab. «Ich dachte mir immer, so will ich nie enden.» Doch er steckte selbst längst in einem Teufelskreis, veränderte sich durch den Konsum und verletzte unbewusst auch Menschen in seinem Umfeld.

Der entscheidende Weckruf kam schliesslich von seiner neuen Lebenspartnerin. Sie suchte das Gespräch mit ihm und legte ihm nahe, sich Hilfe zu suchen. «Das fand ich sehr stark von ihr», sagt Oliver rückblickend. Als auch sein damaliger Suchtberater ihm die Berit Klinik ans Herz legte, fasste er den Mut und meldete sich selbst für die Alkoholkurzzeittherapie an.

Die grösste emotionale Hürde war für Oliver das Gespräch mit seinen Kindern. «Ich wollte niemanden enttäuschen. Davor hatte ich am meisten Angst.» Am Tag seiner Entscheidung lud er sie zu sich ein und legte die Karten offen auf den Tisch. Ihre Reaktion rührt ihn bis heute: «Sie haben mich unterstützt und gesagt: ‹Papa, wir schaffen das.› Das war sehr emotional und wichtig für mich.» Auch seine Partnerin, seine Eltern und seine Schwester standen hinter ihm und unterstützten ihn bei seiner Entscheidung, sich Hilfe zu holen.

In 29 Tagen zurück ins Leben

In der Berit Klinik liess sich Oliver auf einen intensiven Prozess ein. «Ich war gefordert, es war emotional anstrengend», gesteht er. Die stationäre Alkoholkurzzeittherapie in der PSA der Berit Klinik Wattwil dauert 29 Tage und ist eng getaktet, tiefgehend und ganzheitlich. Die Tage sind gefüllt mit Einzel- und Gruppengesprächstherapien sowie mit Kunst- und Bewegungstherapien.

Welche Therapie ihm am meisten geholfen hat, erzählt Oliver schonungslos offen im Video (link dazu unten).

 Dass in 29 Tagen so viel Veränderung möglich ist, bestätigt Dr. Sonja Arens, Fachverantwortliche Psychotherapeutin der PSA der Berit Klinik. «Aber die Arbeit hört nicht auf, wenn die Therapie beendet ist. Wir bereiten unsere Patientinnen und Patienten auf den Austritt vor, damit sie im Alltag wieder zurechtkommen.» Dr. Arens betont, wie wichtig es sei, die Funktion des Alkohols zu entschlüsseln. Oft werde er als Kompensationsstrategie genutzt, wenn die innere Sicherheit durch Stress oder negative Gefühle verloren gehe.

Ziel der Therapie sei es, das Wohlbefinden nachhaltig zu stärken. Die Therapeutin, die Oliver nun ambulant weiterbetreut, schätzt die Arbeit mit ihm sehr. «Er bringt eine Neugierde und eine positive Haltung mit. Es ist eine Freude, mit ihm zu arbeiten.»

Die Arbeit mit Suchtpatienten ist intensiv und vielschichtig. «Schwierig an meinem Beruf sind teilweise die schweren Schicksale, die die Menschen mitbringen», sagt Dr. Arens. «Therapeutisch damit zu arbeiten, kann herausfordernd sein.» Doch genau diese Herausforderung ist auch ihr Antrieb: «Zu sehen, wie Menschen nach der abgeschlossenen Therapie wieder voll im Leben stehen und aufblühen, bedeutet mir viel.»

Oliver will anderen Betroffenen Mut machen

Heute hat Oliver sein Ziel erreicht. Er lebt abstinent. Sein Leben nimmt der 55-Jährige viel ruhiger und bewusster wahr. Wenn in seinem Umfeld getrunken wird, stört ihn das nicht. Selbst auf alkoholfreie Alternativen verzichtet er. «Das Verrückte ist ja, Alkohol hat mir nie wirklich geschmeckt. Ich mochte nur, was er mit mir macht», sagt er offen. «Deshalb fällt es mir nicht schwer, darauf zu verzichten.» Situationen, die früher automatisch zum Griff zur Flasche führten, begegnet er heute mit Klarheit und einer Regel: keine Ausnahmen. 

Oliver geht mit seiner Geschichte bewusst an die Öffentlichkeit, um anderen Betroffenen Mut zu machen. «Holt euch Hilfe, und wartet nicht zu lange», ist sein wichtigster Rat. «Man schämt sich dafür, das kenne ich von mir. Aber ich finde es wichtig, transparent zu sein. Sprecht mit euren Liebsten darüber, denn fast immer sind es sie, die am meisten unter der Sucht leiden.»


Der Artikel erschien ursprünglich auf Blick online am 18.6.2026

Die ganze Geschichte von Oliver als Video
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