Der Einbau einer Hüftprothese steht als erste Operation in der neuen Berit Paracelsus-Klinik in Speicher auf dem Plan. Am Dienstagmorgen um acht Uhr setzt Professor André Gächter das Skalpell an. Ein grosser Moment für die Klinik und alle Mitarbeitenden. Im langen Gang vor den vier Operationssälen ist eine freudige Nervosität spürbar: Liegt sämtliches Operationsbesteck bereit? Funktionieren alle Geräte? Klappen die Abläufe? Seit Wochen haben sich die Operationsteams auf diesen Moment vorbereitet: Geräte wurden installiert und auf Herz und Nieren geprüft, Operationen mit sogenannten Dummies simuliert. Trotzdem bleibt ein Rest Anspannung.

6000 Operationen in einem Jahr
Nur 111 Stunden sind vergangen, seit am alten Standort der Berit Paracelsus-Klinik in Teufen die letzte Operation an einem Kreuzband beendet wurde. Dann, am Donnerstag um 17 Uhr, begann der finale Countdown für den grossen Umzug. Es liegen zwar nur gut neun Kilometer zwischen dem Steinweg in Teufen und der Vögelinsegg in Speicher, für die Verantwortlichen der Berit Paracelsus-Klinik aber sind es Welten. Nach fünf Jahren Planung und 21 Monaten Bauzeit ist die gut 40 Millionen Franken teure neue Klinik bezugsbereit. Die Bettenzahl erhöht sich von 48 auf gut 90. 6000 Operationen sollen im ersten Betriebsjahr durchgeführt werden – doppelt so viele wie am alten Standort im gleichen Zeitraum. 200 Mitarbeitende zählt die Klinik heute, dazu kommt die Zusammenarbeit mit 48 Belegärzten. «Der Umzug ist etwas Grosses für uns», sagt Klinikdirektor Peder Koch. «Wir gehören nun schweizweit zu den Top Drei im Bereich Endoprothetik.» Seit 2008 ist er im Amt, hat seither konsequent eine Qualitäts- und Spezialisierungsstrategie umgesetzt. «Die Zahl der Operationen wurde in dieser Zeit beinahe vervierfacht. Der Umzug ins neue Klinikgebäude ist ein weiterer Meilenstein», sagt Peder Koch am Freitagmorgen.

Umzugskisten türmen sich
Der Klinikdirektor steht in der alten Klinik. Um ihn herum türmen sich Umzugskisten. Mannshoch. Mitarbeitende wuseln durch die Gänge. Als ruhender Pol hält Priska Rütsche am Empfang die Stellung. Ihr Computer ist längst abmontiert, dafür läuft das Telefon heiss. Rütsche verbindet Anrufe zu Patienten, informiert, ab wann Mitarbeitende in der neuen Klinik erreichbar sind. Sie hat einen Logenplatz: «Fast jede Kiste kommt am Empfang vorbei. Obwohl viel läuft, ist es nicht hektisch», findet sie und nimmt das nächste Telefon entgegen.
Während Kiste um Kiste aus dem fast 40 Jahre alte Klinikgebäude geschleppt wird, erholen sich 40 Patienten in den Zimmern von ihren Operationen. Pflege, Physiotherapie und Hotellerie laufen trotz des Umzugs ganz normal. «Die meisten Patienten dürfen am Montag nach Hause», sagt Klinikdirektor Peder Koch. Es sei geplant, fünf Personen mit Ambulanzfahrzeugen nach Speicher zu verlegen.

 

«Drei Meter Schnee oder
eine Grippewelle hätten den
Zeitplan durcheinander-
bringen können.»

Fermin Gomez
Leiter Medizinische Dienste


Umzug wurde akribisch geplant

Der Umzug der Berit Paracelsus-Klinik gleicht einer Generalstabsübung: Fermin Gomez, Leiter der medizinischen Dienste, und Kirsten Weber, Qualitätsmanagement, haben die Züglete während Monaten minutiös geplant und akribisch vorbereitet. «Jedes Puzzleteil muss passen», sagt Gomez. Am Freitagmorgen liegt Schnee, zum Glück nur eine dünne Schicht, damit kann man leben. Die Strassen sind aper. «Drei Meter Schnee oder eine Grippewelle hätten den Zeitplan durcheinander bringen können», so Fermin Gomez. Nichts von dem ist eingetroffen. Dafür aber pünktlich vier Lastwagen und ein Team aus Zug. Zwölf Zügelprofis unter der Leitung von Walter Stirnimann und 14 Hilfen von der Klinik bilden die Zügelequipe – aufgeteilt in ein Team Teufen und ein Team Speicher. Für den Projektleiter der Umzugsfirma Weber-Vonesch Transport AG ist es nicht die erste Klinik-Züglete: 2008 koordinierte Stirnimann den Umzug des Zuger Kantonsspitals von Zug nach Baar. «Die sensiblen Apparate sicher zu transportieren, ist die grösste Herausforderung», so der Fachmann. Und dann natürlich die Menge der zu transportierenden Güter. 800 Kisten stellt die Umzugsfirma zur Verfügung. 300 Stück lassen sich plombieren. «Darin werden sämtliche Patientendaten und Röntgenbilder transportiert.»
Es läuft gut, man ist dem Zeitplan voraus. Die Abteilungen Verwaltung und Operationen sind kurz vor dem Mittag schon fast komplett gezügelt. «Die Mitarbeitenden der Klinik sind motiviert. Alle ziehen am gleichen Strick», lobt Stirnimann. Im ersten Stock hantieren drei Pflegefachfrauen mit blauer Stretchfolie. Ihre Patienten haben sie dem Spätdienst übergeben. Noch tragen sie die weissen Dienstkleider. Statt dass sie Wunden verbinden, fixieren die drei Frauen mit der speziellen Folie die Schubladen von Nachttischkästchen. Die Handgriffe sitzen. Ruckzuck stehen die Möbel zum Abtransport bereit. Ein Zügelmann übernimmt und sagt: «Die Klinik zu zügeln, ist vergleichbar mit einem Büroumzug. Es gibt viele gleiche Modelle zu transportieren, das ergibt Automatismen und vereinfacht den Ablauf.» Einer seiner Kollegen schiebt derweil einen mit Luftpolsterfolie geschützten C-Bogen zum Ausgang. Vorsichtig, denn das Gerät, mit dem während Operationen Röntgenbilder gemacht werden, kostet Zehntausende Franken.
Während des Transports sind die Lastwagenchauffeure für die Sicherheit der Ladung verantwortlich. Paul Hugener ist seit 18 Jahren im Geschäft. Er lädt auf, was bereit steht, sichert die Güter und fährt los. Anders als beim Umzug eines Einfamilienhauses müsse der Lastwagen nicht jedes Mal voll beladen sein. «Wichtiger ist, dass der Transport stets im Fluss bleibt», so der Chauffeur. Unterwegs nach Speicher kreuzt er bei der Kirche Teufen einen seiner drei Kollegen, kurz vor der Dorfeinfahrt Speicher den nächsten. Man winkt einander zu, fährt konzentriert weiter. Rückwärts manövriert Paul Hugener seinen Lastwagen zur Anlieferung des imposanten neuen Klinikgebäudes auf der Vögelinsegg. Es hat das Volumen von 63000 Kubikmetern, es fänden also rund 70 Einfamilienhäuser darin Platz.

 

«Die Klinik zu zügeln, ist
vergleichbar mit einem
Büroumzug. Es werden viele
gleiche Modelle verschoben.»

Patrick Steiner
Zügelmann, Weber-Vonesch Transport AG

 

30 Lastwagenfuhren in zwei Tagen
Obwohl 95 Prozent der Einrichtung neu sind, braucht es 30 Lastwagenfuhren, um den kompletten Hausrat der Berit Paracelsus-Klinik zu zügeln. Die Mitarbeitenden leisten Überstunden, schliesslich gilt es, übers Wochenende Medikamente, Verbandsmaterial, Operationsbesteck, Flachwäsche, Betten, Analysegeräte und vieles mehr einzuräumen. Im Operationstrakt sortiert Teamleiterin Verena Hauser Knie- und Hüftprothesen. Ein Mitarbeiter der Herstellerfirma steht ihr zur Seite. Während der ganzen ersten Betriebswoche werden Fachleute von Herstellern und Lieferanten das OP-Team unterstützen. Von Dienstag bis Freitag sind 120 Operationen geplant. Falls etwas nicht wie gewünscht läuft, sollen sie mit Rat und Tat helfen. Einige Kolleginnen gönnen sich in einem Büro eine Pause. Die belegten Brötchen hat eine der Frauen mitgebracht.

Handwerker im Endspurt
Im Neubau herrscht am Freitag das «organisierte Chaos». Handwerker kitten im Treppenhaus Fugen, bringen im Therapiebereich Bodenmarkierungen an, ziehen letzte Kabel ein. Kisten türmen sich. Auch hier mannshoch. Auf Labels sind Etage, Abteilung und Zielraum der Kartons notiert. «Die korrekte Etikettierung ist das A und O, damit die Kisten ans richtige Ort kommen», sagt Walter Stirnimann. Zwei Pflegefachfrauen arbeiten für einmal als Liftboy. Sie verteilen die angelieferte Ware auf die sechs Stockwerke des Neubaus. Paul Hugener hat bei seiner vierten Fahrt unter anderem sieben Betten geladen. «Zweiter Stock», liest er die handgeschriebene Notiz auf dem Plastik, der das Bettzeug schützt. Die Lifttüren schliessen sich hinter dem ersten Bett.

Instruktion durch den Klinikdirektor
Nach dem ersten Mittagessen im neuen Restaurant empfängt Klinikdirektor Peder Koch Belegarzt Andreas Bischof zu einer Instruktion. Von der Tiefgarage geht es zu den Garderoben und in den neuen, mit modernster Technik ausgestatteten Operationstrakt. Zwei Frauen sind mit der Endreinigung von OP Nummer vier beschäftigt. Im Saal nebenan begutachtet der Belegarzt einen Arthroskopieturm. Ab Freitag wird er hier tätig sein, wie gewohnt Schulter um Schulter operieren. «Für einen Operateur ist die Infrastruktur hier paradiesisch», findet Andreas Bischof. Weiter geht es einen Stock höher zur Poliklinik. Hier befinden sich Labors, die Apotheke, ein grosser Raum für die Physiotherapie, das Therapiebad und zwölf Sprechzimmer. Eines davon wird gerade von Andre´ Gächter inspiziert. «Ich muss schauen, dass ich weiss, wo alle Unterlagen und Bücher sind», sagt der renommierte Professor, der die meisten der Belegärzte der Berit Paracelsus-Klinik ausgebildet hat. Er habe schon vor zwanzig Jahren ein auf Gelenkprothetik spezialisiertes Spital aufbauen wollen, so Gächter. Mehrere Projekte in Zürich und Basel seien gescheitert. «Nun wurde die Idee eines Orthopädiezentrums auf Umwegen in Speicher verwirklicht», freut sich Gächter. «Bis Dienstag», verabschiedet er sich vom Klinikdirektor. Dieser setzt den Rundgang mit Belegarzt Bischof fort, der sich von den Patientenzimmern beeindruckt zeigt. Hell, geräumig und freundlich sind sie. Ob allgemein oder privat versichert, alle Patienten kommen in den Genuss einer wunderbaren Aussicht. Die Zimmer der Privatabteilung sind am Freitag schon bezugsbereit. Einzig die grossen Flachbildschirme fehlen. «Sie sind am Flughafen Kloten eingetroffen», weiss Peder Koch. Drei seiner Mitarbeiterinnen füllen derweil die Wäschelager der Patientenzimmer auf.
Trotz allem Optimismus und aller Gelassenheit, die der Klinikdirektor am Freitag ausstrahlt, können sich Aussenstehende und auch einige Mitarbeitende noch nicht recht vorstellen, dass in wenigen Stunden das organisierte Chaos beseitigt sein wird. Doch Peder Koch sagt: «Die Mitarbeitenden haben den Mut, sich auf das Neue einzulassen. Alle haben beim Aufbau der neuen Klinik mitgezogen.» Er ist zuversichtlich, dass der Ausnahmezustand seiner Klinik spätestens am Dienstagmorgen mit der ersten Operation beendet sein wird.

 

«Es geht mir gut.
Während der Operation am
Hüftgelenk habe ich schöne
Musik gehört.»

Niklaus Fäh
Patient aus Teufen


20 Operationen am ersten Tag

Kochs Zuversicht war begründet: Die Kisten sind ausgeräumt, die Kabel eingezogen, die Mitarbeitenden haben Jeans und T-Shirts, die sie während des Umzugs getragen haben, mit Spitalkleidung getauscht. 20 Eingriffe stehen am ersten vollen Betriebstag auf dem OP-Plan. Nach 62 Minuten, um 9.02 Uhr, ist die erste Hüftprothese in der neuen Klinik eingesetzt. Patient Niklaus Fäh aus Teufen wird in den Überwachungsraum geschoben. Operateur André Gächter erkundigt sich nach dem Befinden seines Patienten. «Es geht mir gut. Während der Operation habe ich schöne Musik gehört», sagt Niklaus Fäh. Es habe nur hin und wieder gerüttelt, als der Chirurg mit dem Hammer hantiert habe. Dass er als erster Patient operiert worden ist, habe ihn nicht beunruhigt. Der Teufner sagt: «Ich bin froh, konnte ich den Eingriff jetzt machen. So kann ich im Sommer zur Bollenwees wandern und dort eine Rösti essen.» Während er sich auf die Tageszeitung und sein Zimmer freut, rollen Pflegefachfrauen Betten mit den nächsten Patienten aus den Liften.
Die Nervosität im langen Gang des Operationstrakts legt sich allmählich. Alle vier Operationssäle sind in Betrieb. Fünf Jahre Planung und 111 Stunden Umzugsstress sind Geschichte. Klinikdirektor Peder Koch ist erleichtert und gerührt. Seine Augen glänzen, als er sagt: «Es ist ein wunderschöner Moment. Ich bin dankbar, dass wir so starten können.»

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