Peder Koch, wenn Sie nach wenigen Wochen am neuen Standort Ihrer Klinik in Speicher darüber nachdenken, wie sich alles entwickelt hat, was fällt Ihnen da spontan ein?

Ich denke, am eindrücklichsten zeigt sich unsere Entwicklung anhand von Zahlen: Als ich 2008 meine Aufgabe, damals noch in Teufen, angetreten habe, führten wir pro Jahr 500 Operationen durch. In den Jahren danach haben wir diese Zahl sukzessive auf 3000 gesteigert; am neuen Standort werden es 6000 Operationen jährlich sein. Unsere neue Klinik war am vierten Tag nach der Eröffnung voll belegt. Und in den ersten zwei Tagen haben wir mehr Operationen durchgeführt als 2008 innerhalb von einem Monat. Das alles zeigt auf, was sich in den letzten rund acht Jahren getan hat.

«Wir haben immer gesagt, dass wir eine Klinik sein wollen,
in der man sich viel eher wie in einem Hotel fühlt als wie in einem Spital.»

Vollbelegung nach vier Tagen: War da schon alles bereit, um mit dieser Belastung fertig zu werden?

Der gesamte Umzug und die Vorbereitungen für den Startschuss waren natürlich harte Arbeit, und alle Beteiligten mussten Ausserordentliches leisten. Aber der Anspruch war klar: Die Klinik musste grundsätzlich vom ersten Tag an lückenlos funktionieren. Selbstverständlich entdeckt man in der Startphase immer wieder kleine Details, die man optimieren und Prozesse, die man verfeinern muss. Aber unsere eigentliche Aufgabe haben wir ohne jeden Unterbruch am neuen Ort fortgesetzt.

Worauf führen Sie das zurück?

In erster Linie auf das Team. Ich bin stolz auf das Geleistete. Aber wir mussten auch viel an Planung leisten dafür. Um wirklich sofort bereit zu sein nach dem Umzug, haben wir schon am alten Standort zusätzliches Personal angestellt und eingearbeitet. Wir hatten insofern eine Zeit lang eine personelle Überbesetzung, aber nur so konnten wir den reibungslosen Übergang gewährleisten. Im Übrigen war nicht nur der Umzug eine logistische Herausforderung, sondern natürlich vor allem der Neubau an sich.

Welche Bilanz ziehen Sie denn mit Blick auf das Bauprojekt?

Es war eine Punktlandung in allen Bereichen. Beim Zeitplan und bei den Kosten wurden alle Vorgaben eingehalten. Um das zu schaffen, mussten alle Beteiligten am gleichen Strick ziehen. Unser Architekt und Generalplaner, die direco mit ihrem Inhaber Jürg Keel an der Spitze, hat hervorragende Arbeit geleistet, ebenso die HRS und unser Bauherrenvertreter. Es ging nicht nur darum, die Vorgaben genau zu erfüllen, sondern vor allem auch, vorausschauend zu arbeiten und auf jede Entwicklung richtig zu reagieren. Die Bauzeit war sehr kurz, und es ist alles andere als selbstverständlich, sie bei so hoher Qualität einzuhalten. Besonderes Lob gebührt aber auch unserer Standortgemeinde: Wir haben von der Gemeinde Speicher sehr grosse Unterstützung erfahren, vor allem in der Person von Gemeindepräsident Peter Langenauer. Er hat unsere Arbeit stets kritisch, aber zielorientiert begleitet. Man muss sehen: Wir haben hier an einem sehr exponierten, neuralgischen Ort gebaut; da gilt es, vieles zu beachten. Ich bin aber überzeugt, dass sich das auch für die Gemeinde und die ganze Region gelohnt hat. Hier sind 150 neue Arbeitsplätze entstanden, und ein grosser Teil des gesamten Bauvolumens unseres Campus von rund 100 Millionen Franken ist in Wertschöpfung in der Region geflossen.

Nun sind Sie im wahrsten Sinn des Wortes «angekommen». Können Sie bereits bilanzieren, welche Ihrer Erwartungen an den Neubau erfüllt werden?

Wir haben vom ersten Tag an klar gesehen, dass sich hier dank dem massgeschneiderten Neubau alle Abläufe optimieren lassen, dass die Wege einfacher und schneller sind. Ganz massiv verbessert haben wir uns, was die Qualität und Sicherheit für die Patienten angeht. Wir setzen hier auf den höchsten Stand der Technologie und haben so einen Quantensprung erreicht. Ob im Operationssaal oder dem Überwachungstrakt: Das Befinden unserer Patienten wird ständig zu 100 Prozent erfasst, Fachpersonal ist rund um die Uhr vor Ort, eine Beatmungsstation sorgt für zusätzliche Sicherheit. Auch im Bereich Medizinaltechnik weisen wir in der neuen Klinik höchste Standards auf. Allerdings war es mir persönlich immer wichtig, dass wir trotz aller Verbesserungen das bewahren, was uns ausmacht.

«Ein grosser Teil des gesamten Bauvolumens unseres Campus
von rund 100 Millionen Franken ist in Wertschöpfung in der Region geflossen.»

Und was zählen Sie zu diesen bewahrenswerten Eigenschaften?

Den familiären Charakter und die Nähe zu unseren Patienten und zum Personal. Wir sind inzwischen ein Unternehmen mit über 200 Mitarbeitenden und einer grossen Zahl von Belegärzten, aber wir sind ein überschaubarer Betrieb geblieben, in dem man sich gegenseitig persönlich kennt und schätzt. Das zeigt sich Tag für Tag im respektvollen Umgang miteinander, ob unter dem Personal oder gegenüber den Kundinnen und Kunden. Diese Philosophie zahlt sich auch aus: Wir haben das zusätzliche Personal, das wir benötigt haben, ohne Stelleninserate gefunden, allein durch Ausschreibung auf unserer Webseite. Es spricht sich in unserer Branche schnell herum, wenn an einer Klinik ein gutes Betriebsklima herrscht und die Arbeitsbedingungen gut sind. Qualifiziertes Pflegepersonal zu finden, ist eine Herausforderung, und deshalb ist die Personalführung so wichtig.

Eine familiäre Atmosphäre wird sicherlich geschätzt, aber letztlich sind harte Kriterien bei der Wahl der Klinik doch sicherlich auch ausschlaggebend, beispielsweise die Kosten. Wo steht Ihre Klinik da?

Wir müssen in erster Linie konkurrenzfähig sein, und das bedeutet für mich: Hohe Qualität zu einem guten Preis. In den vergangenen Jahren konnten wir mit tieferen Preisen als viele Mitbewerber auftrumpfen. Am neuen Standort haben wir unsere Preise den verbesserten Leistungen angepasst, aber das hat nichts geändert an unserem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Unsere Klinik weist nun in vielen Bereichen einen klaren Vorsprung zu anderen auf. Konkurrenzfähigkeit bedeutet für mich auch, dass wir stets in die Qualität und den Patientennutzen investiert haben und in der Administration immer schlank geblieben sind.

Wenn wir alles summieren, was durch den Neubau der Klinik ausgebaut und optimiert wurde, wie würden Sie dann Ihre Position in der Schweizer Gesundheitslandschaft charakterisieren?

Wir gehören in unseren Kompetenzfeldern Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie gemessen an der Anzahl Hüft- und Knieprothesen heute zu den drei führenden Kliniken in der Schweiz, mit anderen Worten: Wir haben eine Spitzenposition erreicht, wir werden nun wirklich wahrgenommen und gehören zu den Meinungsbildnern. Das freut mich persönlich umso mehr, als ich das stets als Zielsetzung genannt habe, auch wenn uns das damals ganz wenige zugetraut haben. Es fügt sich also alles so, wie wir es angepeilt haben. Ich führe das auf unseren klaren Fokus auf die beschlossene Strategie zurück: Es geht darum, den eingeschlagenen Weg ohne Wenn und Aber zu gehen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Spezialisierung auf wenige Disziplinen. Nur so ist die Qualität möglich, die heute verlangt wird. Es gibt gerade im Gesundheitswesen viele Beteiligte, die eine negative Stimmung verbreiten und vor allem die hohen Kosten beklagen. Ich bin überzeugt: Man kann in jeder Branche erfolgreich sein, wenn man es richtig macht und mit Begeisterung vorausgeht.

Erfolg durch bewusste Reduktion gewissermassen?

Das heisst, dass Sie auch in Zukunft das medizinische Angebot nicht ausbauen werden? Wir müssen selbstverständlich unsere Angebote und unsere Leistungen laufend an die aktuellen Verhältnisse und Bedürfnisse anpassen. An der Strategie der Spezialisierung werden wir aber ganz klar festhalten. Nur ein Beispiel: Wenige Minuten von hier befindet sich das Kantonsspital St.Gallen, eine wichtige Institution im Gesundheitswesen. Wir arbeiten dort mit dem Kantonsspital zusammen, wo es nicht unser Kerngeschäft betrifft. Das alte Sprichwort «Schuster, bleib bei deinem Leisten» trifft es auch heute noch sehr genau: Wir tun das, was wir am besten können und überlassen den Rest andern. Dass wir uns nicht verzetteln, ermöglicht uns Spitzenleistung zu höchster Qualität. Würden wir beliebig diversifizieren, wären wir auf vielen Gebieten aktiv, aber nirgends wirklich herausragend. Von den Ärzten bis zum Pflegepersonal stellt es nun einmal völlig unterschiedliche Anforderungen, ob ein Blinddarm, das Herz oder eine Hüfte operiert wird.

«Wir müssen in erster Linie konkurrenzfähig sein,
und das bedeutet für mich: Hohe Qualität zu einem guten Preis.»

Ein Alleinstellungsmerkmal der neuen Klinik ist sicherlich auch die malerische Lage mit der Panoramaaussicht. Welche Bedeutung messen Sie solchen Qualitäten zu?

Wir haben immer gesagt, dass wir eine Klinik sein wollen, in der man sich viel eher wie in einem Hotel fühlt als wie in einem Spital. Wir wollen und müssen medizinisch hochstehend arbeiten, gleichzeitig aber auch ein Erlebnis und eine Wohlfühlumgebung kreieren für unsere Gäste. Darauf haben wir beim Neubau geachtet, die ganze Materialisierung ist darauf ausgerichtet. Und die einmalige Lage ist natürlich ein wunderschönes Geschenk. Bereits am ersten Wochenende in den neuen Räumlichkeiten war unser Restaurant voll bis auf den letzten Platz. Dass aus einer Klinik ein Ort wird, den man gerne aufsucht, das ist eine Seltenheit – und unser erklärtes Ziel.

Ein stolzer Neubau mit modernster Technologie und höchsten Qualitätsstandards: Da könnte der Eindruck der Exklusivität entstehen. Ist Ihre Klinik ein Fall für die «oberen Zehntausend»?

Ganz im Gegenteil: Wir haben einen öffentlichen Leistungsauftrag. Bei uns können sich Patientinnen und Patienten aus allen Versicherungsklassen behandeln lassen, also auch Allgemeinpatienten.

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